Ausseer Gespräche

2026

Ausseer Gespräche 2026: Wie un/abhängig ist Europa?

Diese Frage ist im letzten Jahr immer drängender geworden und wurde von einigen der diesjährigen Referenten bereits durch Buchpublikationen erörtert.

Bei der Tagung ging es einerseits um die Spezifika unseres Kontinents, etwa um die insgesamt funktionierenden Demokratien und die grundsätzliche Rechtssicherheit mit (wenn auch nicht immer) funktionierenden Antidiskriminierungsrichtlinen in Bezug auf Geschlecht, Religion und ethnische Herkunft, die am rechten Rand der Gesellschaft bereits massiv in Frage gestellt werden, mit Arbeits-, Gesundheits- und Pensionssystemen, die weltweit ihresgleichen suchen: Das Seminar von Silvia Ulrich und Günter Löschnigg hat dies anschaulich aufgezeigt.

Europa ist jener Kontinent, auf dem die Universität als Bildungs- und Forschungsstätte entstanden ist, und wissenschaftliche Forschung früh als unverzichtbare Grundlage gesellschaftlicher Zukunftsgestaltung erkannt wurde. Heinz Faßmann, Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, beleuchtete in seinem Vortrag die vielfältigen Herausforderungen für Wissenschaft, Forschung und Hochschulbildung in Österreich und ordnete sie in den gesamteuropäischen Kontext ein

Das Konzert am Samstag Abend stand unter dem Motto „Gibt es eine europäische Musik?“ Der aus Brasilien stammende Jazzmusiker, Komponist und Arrangeur Emiliano Sampaio, der Pianist Joseph Breinl (Prof. für Liedgestaltung an der KUG), die Sopranistin Stella König (Studierende an der KUG), sowie die Professoren der KUG, Gerd Kühr, Andrè Döhring und Ulf Bästlein gingen dieser provokanten Frage musikalisch sehr unkonventionell und im erklärenden Gespräch nach.

Der Freitagabend war dem Gespräch mit einem wahren Europäer und klassischen Österreicher gewidmet: Paul Lendvai, ein jüdischer Intellektueller mit ungarischer Herkunft und weltweiten Kontakten, eine Institution in Österreichs Medienlandschaft, der seine osteuropäische Kompetenz auch im Eröffnungspodium einbrachte und dessen neuestes Buch präsentiert wurde.

Andererseits gibt es nicht nur Errungenschaften, auf die die Menschen in Europa stolz sein dürfen. In einer Welt, die sich in tiefgreifendem Wandel befindet, erweist sich auch unser Kontinent als fragil. Neue Nationalismen gewinnen an Boden und knüpfen an ältere Strömungen an – mit neuen, aber auch mit längst bekannten. Valentin Inzko als ehemaliger Hoher Repräsentant der Uno für BIH berichtete aus seinem Erfahrungsschatz. Andre Döhring zeigte in einem Seminar mediale Vermittlungen rechter Ideologie auf.

Die europäische Wirtschaft, eine der größten Volkswirtschaften der Welt, befindet sich seit Längerem in einer Phase schwacher Dynamik und hat zugleich die negativen Folgen einer nur unzureichend gesteuerten Globalisierung zu bewältigen. Welche Perspektiven und Zukunftssignale sich daraus ergeben, zeigten Alexia Fürnkranz-Prskawetz und Harald Oberhofer in Hinblick auf  Europa als alternden Kontinent und den wirtschaftlichen Wettbewerb mit den globalen Supermächten auf.

Seit diesem Jahr, in dem der europäische Teil der NATO von einem ihrer Mitgliedsstaaten in Grönland bedroht wurde, ist die Frage der Sicherheit besonders aktuell. Brigardier Gerald Karner, der mit seinem Buch „Der unterschätzte Kontinent“ die Problematik bloßlegt, hat den militärisch-strategischen Aspekt eingebracht, Elke Schraik die technologische Seite der Bedrohung, vor allem der Cybersicherheit und -bedrohung, thematisiert.

Trotz all dieser Fragilität und Unsicherheit, die derzeit Europa zu schaffen machen, bleibt der Kontinent das bevorzugte Ziel weltweiter Migration. Für viele Menschen wiegen die Chancen, die Europa bietet, so schwer, dass sie bereit sind, ihre Herkunftsländer und häufig auch ihre Familien zu verlassen, um hier eine neue Zukunft zu suchen. Kenan Güngör, der keineswegs für eine naive Willkommenskultur plädiert, zeigte den migrationsbedingten Wandel in Österreich und der Europäischen Union in seiner ganzen Ambivalenz auf – mit seinen Problemen und Herausforderungen, aber ebenso mit seinen Chancen.

Rückmeldungen von Teilnehmenden sowie Referierenden bestätigten die Qualität dieser transdisziplinären Gespräche in ihrer aktuellen Relevanz.

Foto: © Seiberl/Alpenpost

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